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DER HINGUCKER


Veröffentlicht am 26.06.2012
Evangelisches Gemeindeblatt.
Von Franciska Bohl.

Wie fühlt es sich an, wenn man am Ende seines Lebens steht? Der Frage ist Maximilian Hasl-berger in seinem Dokumentarfilm "Das letzte Kapitel" nachgegangen. Der 27-Jährige Filmemacher hat über fünf Monate einen Patienten im Hospiz Leonberg auf seinem letzten Weg begleitet.

Der Tod ist leise, er kommt auf samtenen Pfoten. Er schleicht durch die Gänge, streicht einem um die Beine. Manchmal sitzt er still im Eck und beobachtet nur. Er ist eigensinnig, immer präsent und mal mehr, mal weniger anschmiegsam.
In Maximilian Haslbergers Film ist es nur eine Katze, die durch die Flure des Stationären Hospizes streicht. Und doch ist die Symbolkraft des Tieres offensichtlich – und von dem jungen Filmemacher gewollt, "als Analogie für den immer anwesenden Tod". Der gebürtige Amerikaner hat sich intensiv mit dem Thema Tod auseinander gesetzt, als der Großvater seiner Lebensgefährtin im Sterben lag. "Mich hat beeindruckt, wie sorgfältig er sich auf seinen Abschied vorbereitet und seine Beerdigung organisiert hat", erinnert er sich. Daraus entstand der Wunsch, einen Film über das Abschiednehmen zu drehen. "Mir ging es nicht darum, zu erklären, wie Hospizarbeit funktioniert. Sondern ich wollte zeigen, wie sich diese letzte Reise anfühlt."

Bevor der Student der Ludwigsburger Filmakademie im Hospiz mit den Dreharbeiten begann, absolvierte er dort ein mehrmonatiges Praktikum. "Es ist wichtig, dass man von dem, was man erzählt, eine Ahnung hat", sagt er. "Das geht nicht, ohne in dem entsprechenden Milieu gearbeitet zu haben." Egal ob Küche aufräumen, Essen reichen oder Patienten waschen: Haslberger half überall, wo Hilfe benötigt wurde.

Mit seinem Anliegen, in der Einrichtung einen Dokumentarfilm drehen zu wollen, stieß er bei den Mitarbeitern sofort auf offene Ohren: "Die Chemie zwischen uns hat sofort gestimmt, das gegenseitige Vertrauen war da", sagt er. Das gilt auch für die Patienten, die über die Dreharbeiten informiert waren. Sechs Tage die Woche hat der junge Filmemacher gedreht; insgesamt fünf Monate lang. Fast ebenso viel Zeit ging für das Schneiden des gesammelten Filmmaterials drauf.
Maximilian Haslbergers Fokus liegt im Film einzig und allein auf Branko Stefanec: Zu dem 63-jährigen Bewohner habe er von Anfang an einen ganz besonderen Draht gehabt, erzählt er. Dieser habe sich ganz bewusst, von der Kamera beobachtet, auf diese letzte Reise begeben wollen. "Er wollte Spuren hinterlassen; ihm hat der Gedanke gefallen, dass ich den Weg bis zum Ende mit ihm gehe", sagt Haslberger. Von Anfang an sei klar gewesen, dass Branko Stefanec den Film nie zu Gesicht bekommen würde.

Der Filmemacher begleitete den Sterbenden in nahezu allen Situationen, bis zu seinen letzten Stunden. Er geht nahe mit der Kamera heran, beobachtet viel, bewahrt aber immer respektvoll Distanz. Nicht nur Stefanecs Gespräche mit den Angehörigen geben eine Ahnung davon, wie sich die letzten Lebensstunden anfühlen mögen. Manchmal sind es aber auch die leeren Stühle auf der Terrasse, banale Gespräche mit der Sterbebegleiterin über das Wetter und Nahaufnahmen der zunehmend dünner werdenden Gliedmaßen, die vom Sterben erzählen. Auch und gerade dann, wenn die Lebenslust des Sterbenden, etwa beim Sekttrinken, spürbar wird.

Tabus gibt es für den jungen Filmemacher nur wenige, sagt Haslberger. "Das was ich drehen durfte, habe ich gedreht." Berührungsängste kenne er keine. "Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst eine geistig behinderte Schwester habe." In seinem Diplomfilm möchte Maximilian Haslberger, der im März 2013 sein Studium "Dokumentarfilm Regie" abschließt, sich mit dem Thema "Sexualität von Menschen mit Behinderung" auseinandersetzen. Auch hier gilt für den 26-Jährigen: "Wenn man die Wahrheit zeigt, tut das weh." Und: "Mich interessieren Dinge, bei denen die Menschen gerne wegschauen. Ich bin für das Hingucken zuständig."

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EIN FILM ÜBER DEN TOD HINAUS

 

Veröffentlicht am 23.10.2010
Leonberg. Ein Student der Ludwigsburger Filmakademie hat im Hospiz einen Sterbenden mit der Kamera begleitet.
Von Martina Zick

Die Prämisse war klar: "Du wirst den Film nicht mehr sehen", hatte Maximilian Haslberger zu Branko gesagt, bevor er zum ersten Mal die Kamera auf ihn richtete. Branko, damals bereits seit einigen Wochen Patient im Leonberger Hospiz, stimmte zu. Und so konnte Haslberger, der an der Ludwigsburger Film-Akademie Dokumentarfilm-Regie studiert, für das dritte Studienjahr eine ebenso anspruchsvolle wie ungewöhnliche Idee verwirklichen: einen Menschen bis zu dessen Tod - und darüber hinaus - filmisch zu begleiten. Schon mit seinem Zweitjahres-Film hatte sich der 25-Jährige im Jahr zuvor einem Thema gewidmet, das im allgemeinen Bewusstsein kaum eine Rolle spielt: Er hatte einen "Liebesfilm" über ein geistig behindertes Ehepaar gedreht.

 

Der Großvater seiner Freundin hatte das neue Thema in Maximilian Haslberger reifen lassen. Der alte Mann habe seine eigene Beerdigung minutiös geplant, erzählt Haslberger. "Es war faszinierend und komisch, dass jemand seinen eigenen Exitus vorbereitet und sich so mit dem eigenen Tod beschäftigt. Das hat mich bewegt", sagt er. "Konfrontation" ist für den Studenten dabei zum großen Stichwort geworden. Denn "der Tod ist die einzige Gewissheit" im Leben eines Menschen. Doch er werde in dieser Gesellschaft noch immer verdrängt, werde an den Rand, in die Hospize abgedrängt. Dem will der junge Mann etwas entgegensetzen.

Er wandte sich mit seiner Idee an Hospize. Und in Leonberg, erzählt er begeistert, sei er sofort mit offenen Armen empfangen worden. Das Überraschende dabei: Von Menschen, die sich mit dem Tod beschäftigen, erhielt er für sein Vorhaben großen Zuspruch. Jene aber, die sich mit dem Thema weniger auseinander setzen, hätten eher Bedenken geäußert und Vorbehalte gehabt, berichtet Maximilian Haslberger.

 

Um das Hospiz, die Mitarbeiter und Patienten kennen zu lernen, arbeitete er Anfang des Jahres über eine Zeit von etwa drei Monaten phasenweise mit. Aufgewachsen mit einer behinderten Schwester und im Umfeld von Sozialarbeit, habe er keine Berührungsängste gehabt - auch dort nicht, wo es um die Pflege ging, erzählt er. Und so hätten ihn die Mitarbeiterinnen schon nach ein paar Tagen integriert, freut er sich. Auch die Patienten brachten ihm Vertrauen entgegen - das A und O für seine Pläne, über die alle von Anfang an informiert waren. Nach einiger Zeit hatten sich für Maximilian Haslberger - im Hospiz von allen Maxi genannt - zwei Menschen herauskristallisiert, die für sein Vorhaben in Frage kamen. Beide sind später am selben Tag gestorben.

 

Er fragte schließlich den 63-jährigen Branko. Und der "fand die Idee gut; er hat mir blind vertraut. Für ihn war die Vorstellung schön, dass etwas bleibt", erzählt der Jung-Regisseur. Und er sagt auch: "Man muss es aussprechen: Es war ein Glück, dass Branko von Anfang an und lange genug da war. Und dass er ehrlich genug war, auch Schmerzen nicht zu verbergen."

 

Fortan tauchte Haslberger fast jeden Tag mit der Kamera im Hospiz auf, einen Monat lang. In langen Einstellungen und mit dem beobachtenden Blick von außen begleitete er den Kranken. "Es ist ein sehr ruhiger Film, er lebt von den Bildern", erklärt er seinen Ansatz. Er hat darauf verzichtet, ihn mit Musik zu unterlegen, und er hat Branko auch nicht interviewt. Stattdessen hat er den 63-Jährigen im Gespräch mit einem Freund gefilmt. "Das geht stärker in die Tiefe, als wenn Branko über sich selbst reflektiert hätte", ist Haslberger überzeugt.

 

Am Schluss hatte er rund 30 Stunden Filmmaterial zusammen. Dazu gehört Brankos letzter Geburtstag, dazu gehören jene Momente, in denen er sehr bewusst auf den Tod zugegangen sei, dazu gehören schlechte Phasen. Und dazu gehört auch der Abschied vom Verstorbenen. "Es ist wichtig, dass wir den Tod nicht tabuisieren und dass es Rituale gibt, um sich von einem Verstorbenen zu verabschieden", so die Erfahrung des jungen Regisseurs.

 

Die letzten Lebensstunden von Branko hat der 25-Jährige nicht miterlebt; wenige Stunden zuvor hatte er das Hospiz für diesen Tag verlassen. "Es war klar, dass es die letzten Momente waren. Aber man will es sich nicht eingestehen, dass es der letzte Abschied ist, auch wenn man es spürt", beschreibt Haslberger diesen letzten Abschnitt des gemeinsamen Weges. Dabei hat er auch erlebt, "dass es nicht so ist, dass man einander noch die letzten Worte sagt. Ich wusste, was auf mich zukommt. Ich habe mir immer ausgemalt, wie es sein wird. Aber dann war es total banal", stellt der junge Filmemacher mit Blick auf sich selbst nüchtern fest. Dabei ist ihm bewusst, dass er sich hinter seiner Arbeit verstecken konnte - und dass ihn die menschliche Seite des Erlebten noch beschäftigen wird.

 

Mittlerweile hat er den Hospiz-Mitarbeitern eine erste Version seiner Arbeit gezeigt. "Wir waren sehr, sehr beeindruckt", sagt Wolfgang Kreuzer vom Hospiz. Auch an der Hochschule sei der Film, dem er den Titel "Das letzte Kapitel" gegeben hat, gut angekommen, erzählt Haslberger, der sich inzwischen über ein Stipendium für die Columbia University in New York freuen darf. Voraussichtlich im Januar wird der Film den letzten Schliff erhalten. Ob ihn dann noch mehr Menschen zu Gesicht bekommen werden - etwa auf Festivals -, werden erst die kommenden Monate zeigen.

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