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Directors Statement

DIRECTOR'S STATEMENT

Die Diagnose, dass er nur noch sechs Wochen zu leben hatte, erschütterte den Großvater meiner Lebensgefährtin scheinbar weniger als die Menschen um ihn herum. Die Familie war paralysiert, während Wileys Selbstbestimmter Kurs eine etwas kafkaeske Richtung einschlug: er fing an seine Beerdigung zu organisieren. Er kaufte seinen Sarg sowie seinen Grabstein und suchte sich den Ort für seine letzte Ruhestätte aus. Außerdem holte er Angebote für Übernachtungsmöglichkeiten der Gäste seiner Beerdigung ein. Es war schockierend und zugleich faszinierend, als Wiley sein eigenes Bild des immanenten Abschieds konstruierte. Der Moment des Abschiednehmens brannte sich in mein Gedächtnis – nicht Abschied für einen Zeitraum, Abschied für immer. Es erschien mir unwirklich, sich zu umarmen und sich in diesem Leben nicht mehr wieder zu sehen. Wileys letzte Augenblicke und die Ersten seiner Abwesenheit ließen mich von da an nicht mehr los.

Für meine Recherche begann ich im Leonberger Hospiz zu arbeiten und konnte schnell das Vertrauen der Patienten und Angestellten gewinnen. Dort war von Anfang an auch mein Protagonist Branko Stefanec. Er war schon Monate vorher angekommen und hatte sich dort bereits eingelebt. Durch seinen überdurchschnittlich langen Aufenthalt war das Hospiz für ihn ein zweites Zuhause. Schnell wuchs das Vertrauen zwischen uns und nach drei Monaten Arbeit als Aushilfe begannen schließlich die Dreharbeiten für DAS LETZTE KAPITEL.

In den Monaten im Hospiz habe ich Erkenntnisse dafür gewonnen, dass Menschen zwar alleine sterben, jedoch Angehörige den Weg der letzten Reise teilweise mit beschreiten können. Die Erfahrung dieses Prozesses inn- und außerhalb des Hospizes lehrte mich jedoch etwas ganz entgegen der allgemeinen Wahrnehmung des Sterbens in unserer Gesellschaft. Ein abgewendeter Blick, den Betroffenen »in Ruhe lassen« – all das wurde für mich zum erschreckenden Sinnbild für dass, was in unserer Gesellschaft als Pietät gesehen wird und letztlich die Angst vieler Sterbender ist: alleine sein. Sowie die Schwestern und ehrenamtlichen Mitarbeiter im Hospiz gegen diese Abwendungshaltung arbeiten, dementsprechend sollte mein Film eine Erfahrung gegen diese Missachtung und eine Reise in ein uns unbekanntes Terrain werden.

Im Leben gibt es nicht viele Dinge, die uns Menschen verbinden und ist es der Tod, der uns im Leben gleich stellt. Das Sterben, so scheint es paradoxerweise, ist neben unserer Geburt der einzige gemeinsame Nenner unserer kollektiven Existenz. DAS LETZTE KAPITEL war und ist für mich daher eine Konfrontation mit dem Leben. Ich will meine Augen nicht vor der Inhärenz des natürlichen Zyklus’ schließen und will den Zuschauer in eine Welt führen, die trotz Trauer auch einen positiven Weg aufzeigen kann.»Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.« (Bertold Brecht)

Im Kino geht es um das Leben. Der Tod ist tragisch, doch Abschiednehmen kann etwas Positives sein. Ein Abschied ist eine Trennung, aber eine Trennung von der etwas bleibt: eine Erinnerung, eine Satz, ein Gefühl.

 

 

 

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